Bibliothek zu Uninga

Wie es zu den Verstimmungen mit Trimor kam

Velten landete hart auf dem Granitboden im eisig kalten Thronsaal des Grafen Armir von Trimor. Die Wachen, die ihn zu Boden geschleudert hatten, traten einen Schritt zurück.
Velten blickte auf und sah in die starr auf ihn gerichteten Augen des Grafen. „Losgeschickt wurdest Du mit einer Kutsche, sechs Pferden und vier Kriegern, zurückgekehrt bist Du mit vier halbnackten Kriegern auf insgesamt zwei Pferden. Ich denke Du hast etwas zu erklären.“, ließ jener in harschem Ton verlauten.

Der Graf von Asken konnte sich schon ausmalen, was in etwa geschehen sein mochte. Was war zu erwarten, wenn jemand wie dieser unfähige Steuereintreiber Velten zu näheren Untersuchungen in eine Baronie wie Uninga geschickt wurde. Nicht dass er selbst schon einmal dagewesen wäre. Sein Urgroßvater hatte jenes Stück Land vor über 100 Jahren erobert und, um Ärger mit der Bevölkerung zu vermeiden, einfach ihren Anführer (einen Vorfahren des heutigen Barons) zu seinem Vasallen gemacht. Uninga lag tief in den Bergen und wurde ständig von Orks und anderem Getier, welches in den steinernen Höhen hauste, heimgesucht. Das Volk, welches dort lebte, war kaum besser. Ungebildet und von minder hellem Geiste, ohne geordnete Aristokratie, Gilden oder technische Errungenschaften. Man wusste gar nicht genau, wo diese Menschen ursprünglich hergekommen waren, aber es war anzunehmen, dass sie Flüchtlinge aus einem fernen Land waren, welche dort in den Bergen ein neues Leben begonnen hatten. Im Laufe der Zeit waren wohl einige Gesetzlose oder gar entflohene Leibeigene hinzugekommen.

Es war ihm jedenfalls einerlei gewesen, als der dortige Baron Jarlek zu Freiendal keine Truppen für den gräflichen Heerzug gegen diese Barbaren im Osten gestellt hatte. Was für Soldaten hätten schon von dort aus den Bergen kommen sollen? Schafhirten mit Knüppeln? Störender war schon, dass die Steuerzahlungen seit jeher weit hinter denen anderer Vasallen zurücklagen. Fast hatte man den Eindruck, als würde an den Grafenhof gerade nur das geschickt, wozu man ohnehin selbst keine Verwendung hatte.

Durch jenes Ereignis im Sommer diesen Jahres wurde das Fass vollends zum Überlaufen gebracht. Ein Wagenzug, beladen mit kostbaren Stoffen (vor allem Seide) und wertvollem Glas und Porzellan, welches von einem Verbündeten weit aus dem Süden über die Berge gesandt wurde, kam nie bei ihm an. Auf einen Brief an den Baron von Uninga, in welchem er um Unterstützung und Aufklärung bat, kam eine Antwort, wie sie dreister nicht hätte sein können. Man hätte wohl die Kutschen gesehen, hielt sie aber für einem anderen Potentaten zugehörig, so dass man sie kurzerhand plünderte! Die Rückgabe des Materials sei auch nicht möglich, da das Glas und Porzellan bei einem abendlichen Gelage zur Feier der Plünderung größtenteils zerstört wurde (es halte aber auch arg wenig aus) und die Stoffe bereits an die Bevölkerung verteilt wurden, und er (der Baron) sie den Leuten ja nicht wieder wegnehmen könne. Als Entschuldigung sandte er stattdessen zwei warme Schafsfellmäntel sowie ein Fass selbstgebrauten Bieres (wörtlich zu nehmen, Bierbrauen sei seine Freizeitbeschäftigung).

Man stelle sich das vor! Die Wagenladung war leicht 200 Goldstücke wert gewesen!

So hatte er, da er momentan nicht genug Soldaten abkömmlich hatte, einen Beamten (eben jenen Wurm von Steuereintreiber) entsandt, um Genaueres über dieses Bergvölkchen herauszufinden. Er musste diesem Spuk ein baldiges Ende setzen, am besten mit einer kleinen Armee, die das Land seinem zweitältesten Sohn zu Füßen werfen sollte. Aber wie ganz offensichtlich zu sehen war, waren die Untersuchungen nicht nach Plan gelaufen.

Velten holte noch einmal tief Luft und begann zu berichten: Gut eine Woche war er durch des Grafen weites Land gereist, bevor das Land gemächlich anstieg und der Weg so schmal und haltlos wurde, dass ihre Kutsche gerade noch langsam schaukelnd voran kam. Im letzen „zivilisierten“ Dorf hatte er entschieden, sicherheitshalber die Wappenröcke gegen Kleidung eines fahrenden Händlers und seiner Wachmannschaft auszutauschen, da ja nicht sicher war, wie man auf hoheitlichen Besuch reagieren würde. Noch wollte er nicht offenbaren, dass der Herr Graf über das Gebaren des Uningaren erbost war. So reiste er zwei weitere Tage durch schroffes Bergland, ohne auf Ansiedlungen zu stoßen. Lediglich dreimal kamen ihm andere Händler entgegen (zwei nur mit Packpferden, einer mit einem ärmlichem Wagen).

Am Morgen des dritten Tages, nur wenige Stunden nach ihrem Aufbruch, lichtete sich das Gebirge und gab ein kleines, beschauliches Tal preis. Nur etwa 16 Meilen breit und 8 Meilen lang. Auf dem sanft hügeligen Talgrund wechselten sich Wäldchen mit Weideflächen und einigen abgeernteten Feldern ab. Auf den Weiden waren hauptsächlich Schafe und eine dunkelhaarige, zottige Rinderrasse zu erspähen. An der gegenüberliegenden Seite konnte man sehen, wie sich die schmale Straße wieder zwischen den Bergen hinaufschlängelte, im Westen ragte eine schroffe Felsnase von einer Bergwand hervor, auf der (sicher 100 Schritt über dem Talgrund) eine urtümlich düstere Feste thronte, auf der ein einzelnes Banner mit der roten Rose der Baronie Uninga und des Hauses zu Freiendal wehte. Die einzige nennenswerte Ansiedlung lag an einem Bachlauf ziemlich genau in der Mitte des Tals. In den Berghängen waren aber vereinzelt weitere Almen zu erkennen, so dass er abschätze, dass hier gut 1.000 Menschen leben mochten.

Die Straße wurde auf dem Weg zum Dorf langsam besser und war bald sogar gepflastert, wie auch der Marktplatz der Siedlung. Die Häuser waren meist aus wuchtigen Holzbohlen, zum Teil aber auch aus Stein, und ausnahmslos wehrhaft. Fachwerk, wie es in vergleichbaren Siedlungen anderswo vorkam, gab es hingegen nicht. Im Zentrum waren zwei Gaststätten auszumachen. Eine kleinere, etwas einfacher und weniger gepflegt aussehende, wohl eher für einheimische Gäste, und eine aus Stein erbaute mit Butzenglasscheiben, die wohl die spärlich durchreisenden Händler ansprach. Velten entschied, in letzterer zu nächtigen und sich am Abend in ersterer umzuhören.

Den Nachmittag über erkundete er mit seinen Leuten die Umgebung. Das Dorf verfügte, seiner abgelegenen Lage entsprechend, über ein paar wenige Handwerker und Händler: einen Schneider, einen Gerber, einen Grobschmied (welcher aber in der offenen Schmiede auch zahlreiche Stangenwaffen und Streitäxte lagerte), sowie einen Bäcker, einen Fleischer (welcher eine beachtliche Vielfalt an Jagdwild führte), und zwei Krämer. Sicher gab es noch weitere Handwerker, welche aber dann nicht über offensichtliche Ladengeschäfte und Arbeitsräume verfügten. Auffällig war, dass hier nirgends Stätten zur Huldigung von Göttern zu erblicken waren. Bei einer kleinen Wanderung an den Hängen des Tals vermochte er hoch oben in einer Bergschlucht den Eingang einer Mine zu erspähen. Wie er später im Gasthof erfuhr, gab es derer sogar drei. Eine, in der Eisenerz, und eine, in der Silber geschürft wurde. Beide nicht sonderlich ergiebig und von derselben alten Zwergensippe geführt, welche auch das Metall verhüttete. Die Dritte förderte Salz und wurde gemeinsam von Menschen und Zwergen betrieben. Velten erfuhr, dass das Gewürz nach Stand aufgeschlüsselt an die Bevölkerung verteilt wurde, welche es selbst nutzte, aber auch als Tauschware bei reisenden Händlern einsetzte.

Eine wirklich nahe Betrachtung der Burg hätte mehr Zeit in Anspruch genommen, da der Aufstieg offensichtlich recht mühselig war. Was Velten aber vom Dorf aus sehen konnte, war, dass sie sicherlich weit älter war als die anderen Behausungen hier. Ihr teils schon verfallenes und geschwärztes Gestein wies darauf hin, dass sie schon länger existierte, als des Grafen Ahnen dieses Land eroberten, länger wohl gar, als diese Menschen hier siedelten. Zudem schien sie aber in ihrer Grundfunktion (Schutz und Verteidigung) kaum eingeschränkt.

Als es dann zu Dunkeln begann, begab er sich in die einfachere Gaststätte. Sie war bereits gut gefüllt, und das Völkchen schien dem Zechen nicht abgeneigt. Gutes Bier servierte man, und einen köstlichen Braten von der Bergziege (wahrlich hatte er hier nicht so reichhaltige Fleischkost erwartet). Die Menschen waren recht aufgeschlossen und er kam alsbald mit einigen Bauern ins Gespräch. Sie erzählten, warum es keine Tempel oder Kultstätten gab. Sie beteten zu drei Göttern: Anthior, Gott der wilden Tiere und des Waldes; Urunisha, Herrin über alle Gewässer und das Wetter und Hephrenor, Gott des Todes und alles Unbelebten. Sie hatten weder Gotteshäuser noch Priester, da niemand das Recht haben sollte, für die Götter zu sprechen. Sie opferten ihnen hauptsächlich (Feld-)Früchte und Kleintiere (an Feiertagen auch Schafe) an festen Plätzen in der Natur. Außerdem kannten sie zahlreiche Wald- und Berggeister, die in bestimmten Bäumen, Felsen oder Bergen hausten.

Über Seine Wohlgeboren, den Baron, den dort aber alle nur „Vater Jarlek“ nannten, war zu erfahren, dass er alle Entscheidungen und Richtsprüche zusammen mit elf angesehen Männern des Dorfes (aber nur einem Zwerg, dem Oberhaupt der Sippe), fällte. Auch über die Verteilung des Salzes berieten sie gemeinsam. Einzig für die Verteidigung der Siedlung sorgte er selbst, ohne Rücksprache. Er hauste in der Burg, war aber häufig im Dorf und hier in der Schenke, genau wie sein ältester Sohn, der hier wohl gern gelitten war.

Im Gespräch bei einigen Bier konnte Velten einem Bewaffneten entlocken, wie es um das Militär hier stand. Prinzipiell war jeder Mann im wehrfähigen Alter verpflichtet, und jeder Frau war es erlaubt, eine Waffe zu besitzen und führen zu können, um Haus und Hof zu verteidigen (und den Geschichten nach hat das so mancher Orke auch schon am eigenen Leib erfahren). Der Baron selbst unterhielt zwei Dutzend Soldaten in Burg und Dorf, welche zum Teil kräftige Leute aus dem Volk, zum Teil wohl zugereiste Söldlinge waren. Einer der meist geachteten soll der Eiserne sein, der mit seiner Axt schon allein eine ganze Ogerfamilie, welche eine der Almen plünderte, in die Flucht geschlagen haben soll. Außerdem gab es eine nicht näher zu bestimmende Zahl (manche sprachen von 50 oder mehr) an Kundschaftern und Waldläufern, von allen „Wilde Jagd“ genannt, die in den Bergen und Wäldern lebten, nur selten in das Dorf oder zur Burg kamen und die Hauptlast der Verteidigung trugen. Ständig, so sagte man Velten, hatten sie ein Auge auf Zugangswege zum Tal und legten Orks und anderen Eindringlingen Hinterhalte. Sie sollen allesamt hervorragende Bogenschützen sein und im engen Kontakt mit den Naturgeistern stehen. Vieles klang ihm gar erfunden und erdichtet, aber all das hatte sicher einen wahren Kern. Wo genau sie herkamen und warum sie dem Volke hier halfen, konnte ihm niemand sagen. Nur dass Andres, der Sohn des Barons, mit einem von ihnen Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, nachdem dieser ihm in seiner Jungend vor einem Schwarzbären gerettet hatte. Und eben jener sei der einzig gesellige, der ab und an auch in die Schenke kam, aber trotzdem nicht viel über sich und seinesgleichen preis gab.

Zu späterer Stunde ließ Velten sich noch in die hohe Kunst der Brandt-Kultur einführen, die hier nach dem Bierbrauen als hohes Handwerk gepflegt wird. Am liebsten brannten sie Waldfrüchte und Getreide. Nachdem er vier Becher des hervorragenden Getränks probiert hatte, wurde ihm arg schummrig, so dass er sich in sein Gasthaus und ins Bett begeben musste.

Am nächsten Morgen dachte er zuerst darüber nach, den Weg zur Burg anzutreten, um dort unter dem Vorwand, etwas Gewürz verkaufen zu wollen, mit einem Mitglied der Baronsfamilie ins Gespräch zu kommen. Als er aber die Gaststube betrat, hielt der Knecht des Wirtes, der bis dahin aufgeregt mit dessen Frau gesprochen hatte, plötzlich inne, warf ihm einen argwöhnischen Blick zu und eilte hinaus. Velten eilte an der Wirtin vorbei ohne ein Wort zu sagen und sah dem Knecht nach, der eilig Richtung Festung lief. Nur der Vollständigkeit halber ging er zum Wagen und sah nach, ob alles so war, wie er es zurückgelassen hatte. Aber die wenigen Kräuter- und Gewürzfläschchen, welche er zur Tarnung gekauft hatte, waren durchwühlt und die Kiste mit Siegel und Freibrief geöffnet. Wohl hatte seine Neugier am Vortag Misstrauen geweckt und so war die Tarnung dahin. Er verlor keine Zeit, weckte die Männer und warf ausreichend Silber auf den Tresen.

Sofort verließen sie das Dorf wieder in die Richtung, aus der sie angereist waren. Beinahe den ganzen Tag konnten sie unbehelligt reisen und fast dachte er, sie würden nicht verfolgt, aber gegen Abend wurde er eines Besseren belehrt. Plötzlich surrten Pfeile durch die Luft und töteten eines der vorderen Zugpferde. Leicht gerüstete Gestalten, gekleidet in Farben der Natur, sprangen aus dem Wald auf den Weg. Zwischen den Bäumen zeigte sich ein halbes Dutzend Bogenschützen. Der Kampf war verloren, bevor er begonnen hatte. Veltens Wache warfen auf Verlangen die Waffen von sich, sie wurden entkleidet und des Wagens und sämtlicher Ausrüstung beraubt. Lediglich etwas Proviant auf zwei Pferden wurde ihnen gelassen. Der Anführer, ein düsterer drahtiger Kerl mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und der roten Rose der Freiendals auf der zerschlissenen Tunika, forderte sie auf, schnellstens wieder Richtung Heimat zu reiten und nie wiederzukehren.

Und so taten sie, wie ihnen geheißen wurde.

Velten hatte geendet und der Graf blickte weiter starr geradeaus. Nach endlosen Momenten des Schweigens rief er einen Schreiber und diktierte: „Der Baron Jarlek zu Freiendal sei inscriptione zu setzen und von der Wappenrolle zu tilgen. Er sei nun vogelfrei, und wer ihn erschlägt, soll 100 Goldstücke bekommen. Wer ein Mitglied seiner Familie erschlägt, soll fürderhin 10 Goldstücke bekommen.“ An eine der Wachen gewandt fuhr er fort: „Sendet Späher an unsere Grenzen, die melden, wenn Söldlinge oder Soldaten auftauchen, ach ja, und Velten nehmt mit, peitscht ihn aus und werft ihn in den Kerker, da er uns durch seine mangelnde Vorsicht das Überraschungsmoment geraubt hat.“ Velten wurde schreiend aus dem Saal gezerrt, während der Graf schon wieder seinen Gedanken nachhing. Ein wenig würde es dauern, ein erstes Heer auszuschicken, aber ewig konnte sich dieses Uninga ihm nicht entziehen...

Als Jarlek Kunde von der Unmut seines Lehnsherrn erhielt war er nicht weiter beunruhigt, aber er entschied, dass eine dickere Finanzdecke, um nötigenfalls Hilfe von Außerhalb holen zu können, von Vorteil wäre. So sandte er seinen Sohn Andres (für den es ohnehin Zeit war, sich die Hörner abzustoßen) zusammen mit einem Söldling zum Schutz, einigen Freunden und Gefährten und nicht zuletzt einem nicht immer ehrlichen aber unglaublich gewitzten Salzkaufmann um etwas von dem weißen Gold der Uningaren in echtes zu wandeln... .